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← Magazin 15. Mai 2026
Messen · Geschichte

Das Ende der E3 und der Anfang der Showcase-Ökonomie — eine Retrospektive auf 30 Jahre Spielemesse

Drei Jahrzehnte L.A. Convention Center, eine pandemiebedingte Vollbremsung, ein finales 2024er Schlussbild — und ein Strukturwandel, der die Spielebranche längst aufgefressen hat. Eine Messe-Nachschau.

Es gibt einen Satz, den frühere Reporter immer gerne aufschrieben, wenn sie aus dem L.A. Convention Center kamen: „Das war eine ruhige E3.” Er stimmte nie. Selbst die ruhigste E3 — vermutlich 2008, das Jahr, in dem die Industrie eine seltsame Tagungs-Bühnen-Hybridform ausprobierte und alle früher heimflogen — hatte mehr Lärm, mehr Trailer-Inszenierung und mehr Branchenintrigen als jedes heutige Online-Showcase-Wochenende. Aber dieser Satz ist Geschichte. Die E3 ist tot, seit der ESA im Dezember 2023 das endgültige Aus verkündete. Was bleibt, ist die Frage, wodurch sie ersetzt wurde — und ob das, was nachkam, eine Verbesserung ist.

1995–2019: Die klassische E3

In ihrer Hochzeit war die Electronic Entertainment Expo eine Mischung aus Industriemesse, Pressekonferenz-Festival und PR-Schaulauf. Die berühmten Big Three-Konferenzen — Microsoft am Sonntag, Sony am Montag, Nintendo per Direct vom Dienstag — strukturierten die Berichterstattung westlicher Spielepresse für ein Jahr im Voraus. Wer 2012 die Wii-U-Enthüllung verschlafen hatte, hatte für die Folgemonate ein PR-Problem. Wer 2009 die Xbox-Kinect-Demo nicht gesehen hatte, redete bei den Branchenpartys nicht mit.

Die Messehalle selbst war dabei nie das Hauptereignis. E3 war Konferenz-Hopping, Termin-Akrobatik und Hotel-Bar-Diplomatie. Die Demo-Stationen mit den Drehstuhlfilzen waren Beiwerk. Der wahre Wert lag in der Synchronisation: einmal im Juni saß die ganze Branche an einem Ort, und alle wussten, dass alle wussten, was gerade verkündet wurde. Diese Form von gemeinsamer Gegenwart war das eigentliche Produkt der Messe.

2020 und der pandemische Schnitt

Dann kam der Frühling 2020, und mit ihm die abgesagte E3. Geoff Keighley — von der ESA längst entfremdet — startete im Sommer das Summer Game Fest, einen losen Verbund von Online-Showcases mit YouTube-Premieren. Es war notdürftig, es war schlecht moderiert, und es funktionierte. Im zweiten Jahr funktionierte es besser. Im dritten Jahr begannen Publisher, eigene Showcases im Juni zu planen, weil das Summer Game Fest die Aufmerksamkeit ohnehin bündelte. Im vierten Jahr versuchte die ESA ein Comeback, scheiterte, und gab auf.

Was 2024 zurückblieb, war ein Showcase-Kalender — Xbox-Showcase, PlayStation State of Play, Nintendo Direct, Summer Game Fest, Wholesome Direct, Day-of-the-Devs, Future Games Show, IGN Live —, der die Funktion der Messe ersetzt, aber das gemeinsame Erleben weitgehend verloren hat. Jeder Publisher inszeniert sich vor seinem eigenen Vorhang.

Was wir verloren, was wir gewannen

Verloren ist die synchrone Branchenwoche: das gemeinsame Lachen über eine missglückte Konferenz, das gemeinsame Staunen über einen Trailer-Showstopper, das gemeinsame Frühstück mit Konkurrent:innen im Hilton. Gewonnen ist eine erstaunliche demokratische Sichtbarkeit kleiner Studios: ein Wholesome Direct mit 40 Indie-Trailern erreicht heute mehr Menschen als jede 2017er E3-Indie-Sektion. Die Aufmerksamkeit ist breiter verteilt, dafür flacher. Das mag kein schlechter Tausch sein — aber es ist einer, den die Branche gemacht hat, ohne ihn je laut zu diskutieren.

Die gamescom, übrigens, läuft weiter wie immer. Köln, Ende August. Wer Messewoche braucht, fährt nach Köln. Wer Showcase will, schaut Stream.


Ressort: Messen